Verbesserung der körperlichen und psychischen Gesundheit von übergewichtigen Kindern durch Judo (Judo-Kids)

Trial Acronym: Judo-Kids

Interdisziplinäres Projekt zusammen mit dem Kinderkrankenhaus Wilhelmstift und dem Hamburger Judoverband e.V.

Gefördert durch Nitsch-Stiftung, Jovita-Stiftung, Alexander-Otto-Stiftung und Patienten im Mittelpunkt GmbH

Bewegungsmangel und Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen nehmen ständig zu und haben einen negativen Einfluss auf die körperliche, motorische, emotionale und kognitive Entwicklung. Ursachen hierfür liegen u.a. in einem veränderten Lebensstil, der Urbanisierung, technologischen Entwicklungen und im Medienkonsum. Die Körperliche Fitness von Grundschulkindern nimmt deutlich ab. Die Bewegungsumfänge von Kindern im Alter von 6 bis 10 Jahren betrugen in den Siebziger Jahren drei bis vier Stunden, aktuell nur noch ca. eine Stunde pro Tag. Dementsprechend verbringen Kinder und Jugendliche pro Tag ca. 9 Std. im Sitzen, ca. 9 Std. im Liegen, ca. 5 Std. im Stehen und weniger als 1 Std. in Bewegung.

Die medizinischen und psychosozialen Folgen von Adipositas und Bewegungsmangel bei Kindern sind vielschichtig und beeinflussen auch maßgeblich das Bewegungsverhalten und den Gesundheitszustand im Erwachsenenalter und sind somit nicht zuletzt von erheblicher gesellschaftspolitischer Relevanz. Übergewicht und Adipositas sind verbunden mit einer Vielzahl von kurz- und langfristigen gesundheitlichen Risiken: bspw. das sogenannte „metabolische Syndrom“ (d.h. Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Diabetische Stoffwechselstörung) und kardiovaskuläre Erkrankungen. Zudem haben adipöse Kinder ein erhöhtes Risiko, auch im Erwachsenenalter an Übergewicht und Adipositas zu leiden. Psychosoziale Folgen äußern sich vor allem in einer geringeren Lebensqualität (bzgl. körperlicher Gesundheit, sozialer Kontakte, emotionalem Wohlbefinden) im Vergleich zu normalgewichtigen Kinder und Jugendlichen sowie sozialer Isolation. Adipöse Kinder und Jugendliche zeigen außerdem ein geringeres Selbstwertgefühl und leiden häufiger unter depressiven Störungen.

Um dem entgegenzuwirken bedarf es multimodaler Lebensstil-Interventionen, welche eine Kombination von Interventionsbausteinen zur gesunden Ernährung, zur körperlichen Aktivität und zur Stressreduktion vereinen. In nahezu allen Sportarten haben adipöse Kinder durch ihr Übergewicht ausschließlich Nachteile, haben kaum sportliche Erfolge und scheiden so aus dem Sportgeschehen häufig frustriert aus. Gänzlich andere Möglichkeiten bietet die Sportart Judo. Judo ist aufgrund der physiologischen Ganzkörperbelastung und der Förderung aller sportmotorischen Fähigkeiten die Kinder- und Jugendsportart per se und hat in der Bundesrepublik prozentual gesehen den höchsten Anteil von Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus bietet Judo in besonderem Maße adipösen Kindern die Möglichkeit Selbstvertrauen zu gewinnen und sportliche Erfolge zu erzielen. Das Übergewicht hat gewisse Vorteile bei Stand- und Bodentechniken im Training und auch im Wettkampf werden aufgrund der Gewichtsklasseneinteilungen „schwere“ Kinder geradezu benötigt. Zudem vermittelt Judo neben den rein sportlichen Aspekten auch wertvolle psychosoziale Werte („die 10 Judo-Werte“).

Studienziel

Das primäre Ziel der vorliegenden Studie besteht darin, den körperlichen Zustand (Körperfettanteil, Körperstabilität, Muskelkraft) sowie das psychische Wohlbefinden (Stimmung, Selbstwertgefühl, körperliche und allgemeine Selbstwirksamkeit, Lebensqualität) der teilnehmenden übergewichtigen bzw. (prä-)adipösen Kinder durch ein wöchentliches Judotraining (60 Minuten/Woche) über einen Zeitraum von 12 Monaten zu verbessern.

Darüber hinaus sollen die Kinder im Projektverlauf lernen, das eigene Essverhalten besser einzuschätzen und evidenzbasierte Maßnahmen (Reduktion des Konsums an Snacks und Softdrinks, Erhöhung der Aufnahme von Obst und Gemüse) in kleinen Schritten im Alltag umzusetzen, sodass auch hier eine Verbesserung eintritt. Basiswissen und Fertigkeiten bezüglich der ernährungsrelevanten Themen werden in 4 Gruppenschulungen (à 90 Minuten) innerhalb der ersten drei Monate nach Studienbeginn vermittelt. Weiterhin werden die Kinder und deren Eltern in 5 kinderpsychotherapeutisch geleiteten Terminen zum Umgang mit Problemen im Alltag angeleitet.

Studienteilnehmer und Studiendesign

Die Rekrutierung von mindestens 75 übergewichtigen bzw. (prä-)adipösen Kindern (BMI > 90. Perzentil; Alter: 7-14 Jahre) erfolgt über niedergelassene Hamburger Kinderärzte sowie das KKH Wilhelmstift.

Von den 75 teilnehmenden Kindern werden 50 der Interventionsbedingung und 25 einer Warte-Kontrollgruppe zugelost. Die Warte-Kontrollgruppe erhält die Standardangebote des KKH Wilhelmstift (Beratung und optionale Ernährungs- oder Sportmodule) und wird mit dem Judokurs erst nach Abschluss der Erhebungsphase starten.

Die Datenerhebung erfolgt im Längsschnitt (Dauer: 12 Monate). Die pädiatrischen und die sportmedizinischen Untersuchungen erfolgen zu zwei Messzeitpunkten (Baseline, 12 Monate nach Studienbeginn). Die psychologischen Untersuchungen jeweils zu drei Messzeitpunkten (Baseline, sechs und 12 Monate nach Studienbeginn) und die ernährungswissenschaftlichen Erhebungen zu drei Messzeitpunkten (Baseline, nach der letzten Schulung, 12 Monate nach Studienbeginn).